Business in China — moralisch vertretbar?¹

Aus der Perspektive eines Deutsch-Chinesen.

Photo by Thomas Glas

Vermutlich ist Albtraum jeder PR-Abteilung, als Unternehmen zwischen die Fronten der Politik zu geraten — so wie kürzlich H&M mit ihrer Aussage zur Baumwollbeschaffung oder Adidas oder VW mit ihrer Produktionsstätte in Xinjiang. Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass diese konfliktträchtigen, emotional aufgeladenen Konstellationen in ihrer Anzahl zunehmen werden. Die Politisierung unternehmerischer Entscheidungen liegt im Trend und wird deshalb sowohl die wirtschaftliche Kooperation als auch das politische Verhältnis zwischen China und Deutschland bzw. dem Westen insgesamt mit prägen.

Deutsche Unternehmen, die in China tätig sind, werden aus deutscher Perspektive mit der Frage konfrontiert: Ist ein Engagement in China mit den eigenen, moralischen Wertevorstellungen vereinbar oder nicht?

Für PR-Abteilungen liegt die praktische Antwort vermutlich in einem kommunikativen Spagat zwischen öffentlicher, pressewirksamer Kritik in Deutschland und kritiklosem Verhalten aus geschäftlicher Notwendigkeit in China. Für mich ist die Auseinandersetzung mit dieser Frage eine persönliche Notwendigkeit, da ich Deutsch-Chinese bin und über längere Zeiträume sowohl in China gelebt habe als auch jetzt in Deutschland lebe. Daher liegen mir die deutsch-chinesischen Beziehungen nicht nur am, sondern im Herzen.

Ziel dieses Artikels ist, den qualitativen Dialog zu befördern und das sachliche, möglichst emotionsfreie Verständnis für die Denkmuster beider Seiten, sprich der chinesischen und der westlichen, zu erhöhen. Dazu werde ich die deutsche und die chinesische Sicht auf die Welt gegenüberstellen. Denn die Grundüberzeugungen, die auf beiden Seiten tief in der Kultur verwurzelt sind und nachvollziehbar einen geschichtlichen Hintergrund haben, spielen eine große Rolle bei den unterschiedlichen Vorstellungen von Moral und Recht.

Ich maße mir keinen Wahrheitsanspruch an, daher vermeide ich Urteile, wer Recht oder Unrecht hat. Rückmeldungen jeder Art, seien es Hinweise auf Denkfehler oder Wissenslücken oder allgemeine Kritik, positiv wie negativ, sind jederzeit willkommen.²

Beispiel Hongkong. Als Reaktion auf die Proteste führt China das nationale Sicherheitsgesetz ein. Die chinesische Botschaft in Deutschland schreibt dazu, dass das Ziel der Gesetzgebung die Sicherung von Stabilität und Wohlstand sei.³ Aus deutscher Sicht ist diese Argumentation an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Westliche Medien fordern hingegen, dass die Unabhängigkeitsbewegung in Hongkong unterstützt werden müsse. Außenminister Heiko Maas trifft sich mit dem Hongkonger Aktivisten Joshua Wong.⁴ Das Verhalten ist aus chinesischer Sicht respektlos und zeugt von kultureller Arroganz. Denn scheinbar mit blindem Selbstverständnis hält der Westen seine Werte für moderner und moralischer und beansprucht für sie universelle Geltung.

Dies ist ein klassisches Beispiel unterschiedlicher, gegenläufiger Sichtweisen. Aus meiner Sicht liegt eine wesentliche Ursache für die entgegengesetzten Sichtweisen in einem anderen Verständnis von Weltgeschichte. Denn Weltgeschichte umfasst meistens nur den eigenen Strang von Geschichte. Fremde Geschichtsstränge, wie z.B. die Mayas oder Azteken, hätten genauso gut wie auf einem anderen Planeten stattfinden können, weil sie für unser eigenes Narrativ über die Welt und ihre Entwicklung irrelevant sind.⁵ Wenn die Herrschaft von Yu dem Großen, die jahrtausendalte Dynamik vom Auf- und Abstieg der Dynastien und die Opiumkriege für den durchschnittlichen Deutschen ähnlich wenig relevant sind wie die attische Demokratie, die Aufklärung und der Nationalsozialismus für den durchschnittlichen Chinesen, dann sind Konflikte im Inhalt und in der Kommunikation vorprogrammiert.

Mit einem anderen Geschichtsverständnis ergibt sich ein anderes Geschichtsbild. Mit „Geschichtsbild“ meine ich die Deutung der Vergangenheit und die daraus resultierende Gegenwartsinterpretation und Zukunftserwartung — in kurz: Es ist unsere eigene Sicht auf die Welt. Sie dient uns als eine Orientierungshilfe bei unseren Handlungen, indem sie dem unübersichtlichen Chaos an geschichtlichen Vorgängen einen roten Faden verleiht.⁶ Das Geschichtsbild formt also die Wahrnehmung von Realität. Im Falle des Westens und Chinas unterscheidet sich dieses Geschichtsbild so stark, dass zum Teil sogar eine Einigung auf den Sachverhalt unmöglich wird.

In Deutschland und im Westen wird Geschichte als ein stetiger Gang der Verbesserung verstanden. Danach wurde man in der Vergangenheit von autoritären Herrschaftsformen unterdrückt, man lebte in Armut und Konflikt. Freiheit und Demokratie mussten zunächst erkämpft werden, welches die Grundlagen für Frieden und Wohlstand waren. Die Hoffnung besteht, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sich Freiheit und Demokratie weltweit durchsetzen und damit verbunden Wohlstand und Frieden weltweit erreicht werden können.

Zwei Entwicklungen haben ganz wesentlich dazu beigetragen, dass Geschichte im Westen als eine Idee des konstanten Fortschritts interpretiert wird: Die Aufklärung und das Ende des Kalten Krieges. Nachfolgend seien dazu nur kurz und ohne Details aus der politischen Theorie die ideengeschichtlichen Entwicklungen nachskizziert.

Im Zeitalter der Aufklärung ging es um die Trennung von antiken Dogmen. Stattdessen sollte nun alles mit der Vernunft hinterfragt werden, um so die menschlichen Verhältnisse zu verbessern.⁷ Alle Menschen haben die Fähigkeit zur Vernunft. Dementsprechend ist unsere Pflicht, die Vernunft nach und nach auf der gesamten Welt zu etablieren, sodass wir eines Tages in einer vernunftorientierten Ordnung der Welt leben können. Kant spricht hier von der Erkenntnis des Menschen als Weltbürger. Die neue Richtlinie für das tägliche, vernünftige Handeln basiert nun auf der Autonomie bzw. Freiheit des Menschen. Konkret bedeutet das bei Kant das Handeln nach dem moralischen Gesetz, nämlich dem kategorischen Imperativ.⁸ Der kategorische Imperativ ist eine objektive Tatsache, weil er für den Willen eines jeden vernünftigen Wesens gilt. Als Konsequenz basiert moralisches Handeln auf logischen, objektiven Gründen und ist nicht durch gesellschaftlich-kulturelle Konventionen relativierbar.⁹

Dieses Geschichtsbild europäischer Herkunft beansprucht bis heute universelle Geltung. Wichtig ist, dass der von Kant aufgestellte Moraluniversalismus nie eine Vereinheitlichung der Kulturen zum Ziel hatte. In Betracht der pluralistischen Konditionen Europas nach dem Dreißigjährigen Krieg¹⁰ wäre diese Absicht auch sinnlos. Die Signifikanz der Idee besteht in der Etablierung einer minimalen moralischen Grundlinie, die der Vielfalt der gesellschaftlichen Kräfte Rechnung trägt und eine friedliche Entfaltung dieser überhaupt erst ermöglicht.¹¹ Deshalb gilt, sich auch in Zukunft weltweit für freie Gesellschaften einzusetzen.

Die zweite wesentliche Entwicklung ist das Ende des Kalten Krieges und das damit einsetzende Bewusstsein vom „Ende der Geschichte“. Zusammenfassend besagt die These des amerikanischen Politikwissenschaftlers Francis Fukuyama, dass sich mit dem Ende des Kalten Krieges die liberale Demokratie endgültig als das beste System durchgesetzt hat. Der Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit wurde erreicht. Die Universalisierung der westlichen liberalen Demokratie markiert die finale, von Menschen gemachte Regierungsform — eben das Ende der Geschichte. Mit einem Blick auf das letzte Jahrhundert hat sich der Liberalismus sowohl gegen den Faschismus als auch gegen den Kommunismus/Sozialismus durchgesetzt. Weltweit sahen sich nicht-liberale Systeme Legitimationskrisen (z.B. Südkorea) und Wirtschaftskrisen (z.B. China) ausgesetzt und gaben dem Druck, sich politisch oder wirtschaftlich zu liberalisieren, nach.¹² Mit dem Zerfall der Sowjetunion steht der weltweiten Realisierung von Frieden und Wohlstand prinzipiell nichts mehr im Wege. In Deutschland wurde diese Sichtweise durch das Gefälle zwischen der BRD und der DDR verstärkt.

Insbesondere in der „Ersten Welt“ hat sich dieses Geschichtsbild in breiten Schichten der Bevölkerung durchgesetzt. Konflikt und Fortschritt wird es zukünftig zwar noch geben, aber die Zeiten der großen Ideologiekonflikte sind vorbei. Das Ziel der Geschichte wurde prinzipiell erreicht, international vorhandene Defizite gelten als bald überwindbar. Wir leben in einer „vollendeten Gegenwart“.¹³

In der europäischen Erfahrung sind Freiheit und Demokratie die Grundvoraussetzungen für Wohlstand und Frieden. Unterdrückung und Autokratie werden mit Armut und Konflikt verbunden. Autokratische Systeme, die ihr Volk unterdrücken, werden sich auf Dauer nicht halten können.

Die heutige Idee von Freiheit entwickelte sich erstmals in England des 17. Jahrhunderts als eine Absage an einen drohenden katholischen Absolutismus. Durch die Freiheit der Menschen setzten eben auch diese Menschen die Regierung ein. Dadurch muss das Regierungshandeln auf das Gemeinwohl abzielen.¹⁴ Es folgen die Aufklärung und schließlich die industrielle Revolution — Grundbausteine der nun kommenden, weltweiten Dominanz des Westens¹⁵ und schlussendlich der Ausbreitung der liberalen Demokratien im 20. Jahrhundert. Diese haben wiederholt durch ihren eindrucksvollen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Erfolg bewiesen, dass konkurrierende Systeme der Vergangenheit angehören. Liberale Demokratien haben sich ca. 300 Jahre nach dem Beginn der Moderne mit ihren Prinzipien als stabil und langlebig bewiesen — sie sind hier, um zu bleiben.¹⁶

Autokratien gelten als rückwärts gerichtete Regime. Diese Systeme wurden entweder vom globalen Liberalisierungstrend noch nicht erfasst oder konnten bisher ihre Bevölkerung erfolgreich unterdrücken. Mit autokratischen Regimen werden Systeme wie der Feudalismus im Mittelalter, der Faschismus im Nationalsozialismus, der Sozialismus in der Sowjetunion oder auch das Regime in George Orwells 1984 verbunden. Offensichtlich sind solche Systeme nicht erstrebenswert, denn es herrschen dort lebensunwürdige Bedingungen. Entwicklungen hin zu autoritären Regimen werden als „Rückfall“ bezeichnet und müssen verhindert werden. Aufgrund dieser Erfahrungen schätzen wir heute die Bedeutung von liberalen Demokratien. Zu oft wurden Gräueltaten gerade im Namen eines angeblichen Gemeinwillens zum „Schutz“ des Volkes begangen. Hierfür steht beispielsweise das Ende der Weimarer Republik, als 1933 mit der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ (auch bekannt als Reichstagsbrandverordnung) de facto alle bürgerlichen Rechte abgeschafft worden sind und damit der Weg in die Nazi-Diktatur geebnet wurde.

In China wird Geschichte in großen Zyklen gedacht, die wiederum in einzelne Phasen unterteilt werden können. Die Länge und die Kontinuität der chinesischen Geschichte machen es unmöglich, keine Parallelen zwischen dem Aufstieg und Abstieg einzelner Dynastien zu sehen. Seit mehreren Jahrtausenden ist die Schaffung von Stabilität die Voraussetzung für Wohlstand und Frieden. Chaos führt hingegen zu Armut und Konflikten. Mit der Gründung der Volksrepublik wurde das vorangegangene Chaos beendet. Seit den Wirtschaftsreformen befindet sich China in der Aufstiegsphase. Die Verwirklichung des „Chinese Dream“ 2049 könnte den Beginn eines Übergangs in die mittlere Lebensphase einer Großmacht bedeuten.

Zwei Charakteristiken der chinesischen Geschichte haben zum Phasenverständnis von Geschichte beigetragen: Der Status einer ehemaligen Supermacht sowie die Länge und Kontinuität der Geschichte.

Wieso orientiert sich China primär an ihrer eigenen Geschichte und nicht an der Geschichtsdeutung des Westens? Die Chinesen sind sehr geschichtsbewusst, d.h. sie orientieren sich nicht nur an den letzten Jahrhunderten, sondern an den letzten Jahrtausenden. Als Chinese lernt man China als eine ehemalige Supermacht kennen. Wirtschaftlich besaß China vom 1.-19. Jahrhundert durchgehend die größte oder zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, meist in Abwechslung mit Indien.¹⁷ Technologisch gelten die „Vier Großen Erfindungen“¹⁸ als ein Zeichen der Innovationskraft des antiken Chinas. Wahre Großmächte zeichnen sich aber durch eine weitere Dimension der Macht aus: Durch kulturelle Soft-Power. Ostasien entwickelte sich während der Tang-Dynastie (618–907) zu einer eigenen, klar definierten kulturellen Zone mit der chinesischen Zivilisation als Basis. Chinesische Kultur galt in Ostasien als Kultur per se.¹⁹ ²⁰ In der chinesischen Geschichte ist China noch nie „aufgestiegen“. Der folgende Graph veranschaulicht Chinas Position im Vergleich zu den anderen Supermächten bis ins Jahr 600 zurück: ²¹ ²²

Graphic by Ray Dalio on principles.com

Die Länge und Kontinuität ist das andere kennzeichnende Merkmal der chinesischen Geschichte. Das heutige China ist das Ergebnis einer 4000 Jahre alten Entwicklung. Vor über 2000 Jahren vereinte der Qin-Kaiser China zum allerersten Mal. China hätte sich, ähnlich wie Europa, ausgehend von einem ursprünglich gemeinsamen, kulturellen Hintergrund in zahlreiche, kleine Nationen aufsplittern können. Doch wie das Reich zerfallen ist, so wurde es stets wieder vereint.²³ Die Idee des „Einen Chinas“, entstanden in einer Zeit vor Jesus Christus, setzte sich immer wieder durch.²⁴ Die Länge und Kontinuität der chinesischen Geschichte machen es unmöglich, keine Parallelen zwischen den Auf- und Abstiegen einzelner Dynastien zu sehen. Nach dem Modell des „Dynastischen Zyklus“ durchlebt das Land wiederholt Phasen des Chaos, bevor China von einem kurzlebigen, mächtigen Herrscher vereint wird. Auf Basis dieser Stabilität kann das Land aufblühen, bevor nach Jahrhunderten der Herrschaft das exzessive Leben und die steigende Ineffizienz die eigene Abschaffung zur Folge haben.²⁵ ²⁶ Das Denken in Zyklen und Phasen sowie das Konzept vom Kraft des Trends auf die Entwicklung eines Landes wirken bis heute nach. Zhang Weiwei, einer der prominentesten und medienwirksamsten Politikwissenschaftler Chinas heute, argumentiert:

„My optimism also comes from the Chinese concept of shi or overall trend, which is hard to be reversed once it takes hold. […] Now a new shi or overall trend has taken hold and gained a strong momentum after the three-decade-long reform and opening up. This overall trend can hardly be reversed despite the fact that some waves may go in the opposite direction. It is the shi that defines the general trend of China’s big cycles.” ²⁷

In Retrospektive können grob vereinfacht die Entwicklungsphasen des modernen Chinas wie folgt dargestellt werden. Die Zeit vom ersten Opiumkrieg 1842 bis zur Gründung der Volksrepublik China 1949 kann als Periode des Chaos gedeutet werden. Von 1949–1976 wurden unter Mao die Grundlagen geschaffen. Diese umfassen eine neue interne Ordnung frei von ausländischen Einflüssen sowie die Konsolidierung der Macht der KPCh (Kommunistische Partei Chinas).²⁸ Die nächste Phase folgte unter Deng Xiaoping und seinen Nachfolgern von 1976–2013, in der es galt, durch Wirtschaftsreformen zu wachsen, ohne eine Gefahr für andere Länder zu kreieren, weil eine vorzeitige Disruption durch ausländische Mächte das Ende des Wirtschaftswachstums bedeuten könnte.²⁹ Mit dem Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft besteht die jetzige Phase aus der Realisierung des 2012 formulierten „Chinese Dream”³⁰ bis 2049. Damit verbunden ist der Aufstieg zur Weltmacht.³¹

In der Betrachtung der chinesischen Geschichte ist Stabilität (治) eng mit Wohlstand und Frieden verbunden, während Chaos (乱) Armut und Konflikt zur Folge hat.

Stabilität, das wird am Drei-Punkte-Wasser Radikal des Zeichens deutlich, stammt ursprünglich aus den hydraulischen Kulturen antiker chinesischer Zivilisationen entlang den großen Flüssen Chinas. Das Wort „Politik“ (政治) bedeutet in der wortwörtlichen Übersetzung Regierung/Verwaltung-Stabilität. Der Begriff des Politischen ist also gleichzeitig ein Auftrag an den Herrscher, den Zustand der Stabilität herzustellen, unter dem das Land aufblühen kann.³² Der wohl jedem Chinesen bekannte Flutmythos von Yu dem Großen (大禹治水) erzählt, wie die Schaffung von Stabilität zu Prosperität führt. Gut 4000 Jahre später gilt die Stabilität abermals als Voraussetzung für Frieden und Wohlstand. Hier ist Deng Xiaopings Ansicht, was für den Aufstieg Chinas wichtig ist:

„Actually, national sovereignty is far more important than human rights, but the Group of Seven (or Eight) often infringe upon the sovereignty of the poor, weak countries of the Third World. Their talk about human rights, freedom and democracy is designed only to safeguard the interest of the strong, rich countries, which take advantage of their strength to bully weak countries, and which pursue hegemony and practice power politics.” ³³

Wenn China durch die Augen der linearen Geschichtsdeutung betrachtet wird, dann wird das Argument der Stabilität als ein bloßer Vorwand zur Unterdrückung interpretiert. Das führt dazu, dass im Westen seit Jahrzehnten der baldige Kollaps der KPCh vorhergesagt wird. Diese Vorhersagen sind ein Irrtum und haben sich nicht bewahrheitet.³⁴

Chaos führt zu Armut und Konflikten und ist die größte politische Angst. Über die letzten Jahrtausende war China unzählige Mal geteilt. Mit dem Zusammenbruch der zentralen politischen Autorität brach das Chaos aus. Das Chaos brachte große Leiden über das chinesische Volk, von Hungersnöten bis hin zu Bürgerkriegen.³⁵ Zur Zeit der Frühlings- und Herbstannalen und Streitenden Reiche (722–221. v. Chr.) gab es zwischen den einzelnen Territorialherrschern unzählige Kriege um die Vorherrschaft.³⁶ Der legalistische Qin-Kaiser, Qin Shi Huang, vereinte China 221 v. Chr. das erste Mal, welches den Grundstein für die darauffolgende, erfolgreiche Han-Dynastie legte. Ungefähr 2000 Jahre später durchlebt China angefangen mit den Opiumkriegen das „Jahrhundert der Schande“. Fremde Mächte marschieren in China ein und annektieren chinesische Territorien. Warlords bekriegen sich gegenseitig und verweigern, sich der Zentralgewalt zu fügen.³⁷ Mao vereinte China 1949 und legte damit den Grundstein für das heutige China.

Der Westen wird sich aufgrund seiner Historie stets dazu verpflichtet fühlen, weltweit für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte einzutreten. Die Verteidigung dieser Werte ist eng mit seinem Verständnis, aber auch Anspruch verknüpft, ein verantwortungsvolles Mitglied der internationalen Gemeinschaft zu sein. In der chinesischen Erfahrung ist das Wohlergehen der gesamten Nation untrennbar mit dem Wohl und damit auch der Würde des Einzelnen verbunden. Daher besitzt Stabilität Priorität. Die Einheit Chinas und die nationale Souveränität sind zentral und nicht verhandelbar.

Meiner Auffassung nach gibt es aktuell wenig Anhaltspunkte zu glauben, dass sich diese beiden Systeme künftig annähern werden. Zu tief ist deren Verwurzelung in der Geschichte. Eine politische Liberalisierung in China nach westlichem Vorbild, sei es aufgrund eines „Wandel durch Handel“ oder einer erstarkenden Mittelschicht, halte ich dementsprechend für unrealistisch. Der auf guten Intentionen basierte Drang des Westens, auch im Ausland die eigenen Werte zu etablieren, wird nicht immer gleichermaßen positiv aufgenommen.

Realistisch gesehen werden beide Werteordnungen auf Dauer nebeneinander existieren müssen. Daher kommt dem Dialog, der respektvollen Kommunikation, dem Ausloten, wo ein Miteinander trotz bleibender Unterschiede möglich ist, entscheidende Bedeutung zu. Die Vermeidung der Eskalation in einen offenen Konflikt wird die höchste Aufgabe der fähigsten Staatsmänner und -frauen beider Seiten sein.

Zur Eingangsfrage: Ich halte daher ein Engagement in China grundsätzlich für nur schwer vereinbar mit den westlichen Wertevorstellungen. Doch möge man sich eine Welt vorstellen können, in der es ebenfalls zeitgemäße nicht-westliche Kulturen gibt, dann ist die eigene Werteordnung als alleiniger Beurteilungsmaßstab nicht angemessen.

Abschließend kann ich mich nur bei all denjenigen bedanken, die in diesen herausfordernden Zeiten internationaler Ordnung den Aufwand fahren, diesen schweren Dialog zu führen und zu fördern. Dieser Artikel ist mein Versuch, einen kleinen Teil zu diesem Dialog beizutragen.

PS: Vielen Dank für das Lesen des Artikels. Im Yang & Yang Podcast sprechen Oscar Yang Knipp und ich über dieses und weitere Themen zu China. Unser Ziel ist, sowohl die deutsche als auch die chinesische Perspektive darzustellen, sodass man sich einfacher eine Meinung zu China bilden kann.

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Fußnoten

[1] Thematisch angelehnt an einem Ausschnitt aus meiner Bachelorarbeit „Good Governance in China: Politische Partizipation unter dem Paternalismus des Konfuzianismus und des zyklischen Geschichtsverständnisses“ im Studiengang der Politikwissenschaft an der LMU München, bewertet mit 1,0.

[2] Ich werde, so gut wie es mir gelingt, meine Aussagen mit Quellen belegen.

[3] Botschaft der Volksrepublik China in der Bundesrepublik Deutschland (2020): Zehn Fragen und Antworten über die Gesetzgebung zum Schutz der nationalen Sicherheit der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong, vom 25.05.2020. Online unter: http://de.china-embassy.org/det/sgyw/t1782662.htm

[4] Spiegel (2019): Maas steht zu Wong, die Union zu Maas, vom 12.09.2019. Online unter: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/heiko-maas-und-china-cdu-und-csu-stuetzen-aussenminister-und-joshua-wong-a-1286481.html

[5] Schuman, Michael (2020): Superpower Interrupted. The Chinese History of the World. New York, NY: PublicAffairs, S. 1–4.

[6] Jeismann, Karl-Ernst (2002): Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 51–52, S. 13.

[7] Jeismann (2002): Geschichtsbilder, S. 16.

[8] „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“

[9] Schwaabe (2013): Politische Theorie 2, S. 40–50.

[10] Eine Reihe von Kriegen, in denen entlang religiöser und territorialer Bündnisse gekämpft worden ist.

[11] Schwaabe (2013): Politische Theorie 2, S. 62–63.

[12] Fukuyama, Francis (1989): The End of History? In: The National Interest 16, S. 4–7, 10–15. (3–18)

[13] Jeismann (2002): Geschichtsbilder, S. 19.

[14] Schwaabe (2010): Politische Theorie 1. Von Platon bis Locke. 2. Auflage. Paderborn: Wilhelm Fink, S. 152.

[15] Schuman (2020): Superpower, S. 2.

[16] Fukuyama, Francis (2006): The End of History and the Last Man. New York, NY: Free Press, S. 42.

[17] Maddison, Angus (2001): The World Economy: A Millennial Perspective. Paris: Organization for Economic Cooperation and Development, S. 263.

[18] Das Schießpulver, der Buchdruck, das Papier und der Kompass.

[19] Schuman (2020): Superpower, S. 7, 147–152.

[20] Bezeichnend sind zwei kuriose Fälle von kulturellem Imperialismus, in welchem jeweils die Mongolen und die Mandschuren als fremde Völker China militärisch erobern konnten, doch kulturell von der chinesischen Zivilisation erobert worden sind. Weiter findet sich z.B. die chinesische Schrift bis ins 20. Jahrhundert in der südkoreanischen Schrift und bis heute in der japanischen Schrift wieder.

[21] Die Position errechnet sich aus einem Mittelwert basierend aus Bildung, Wettbewerbsfähigkeit, Technologie, Wirtschaftsleistung, Anteil am Welthandel, Stärke des Militärs, Stärke des Finanzzentrums und Reservewährung.

[22] Dalio (2020): World Order. Chapter 1: The Shifts in Wealth and Power That Occurred Between Countries. Online unter: https://www.principles.com/the-changing-world-order/

[23] Diese Beschreibung von Einheit, Zerfall und Wiedervereinigung findet sich in chinesischen Geschichten wieder. So beginnt der bekannte chinesische Roman „Die Geschichte der Drei Reiche“ (三国演义), der im 14. Jahrhundert entstanden ist und um das Ende der Han-Dynastie handelt, mit dem Satz „The empire, long divided, must unite; long united, must divide.“ (话说天下大势,分久必合,合久必分)

[24] Schuman (2020): Superpower, S.9.

[25] Fairbank, John King (1983): The United States and China. 4. Auflage. Cambridge, MA: Harvard University Press, S. 102–103.

[26] Die Studie “The Changing World Order. Where We Are and Where We’re Going.” von Ray Dalio, Gründer von Bridgewater Associates, analysiert Dynamiken des Auf- und Abstiegs des Niederländischen Kolonialreiches, des Britischen Imperiums, der USA und Chinas und weist auf große, sich wiederholende Zyklen hin.

[27] Zhang, Weiwei (2012): The China Wave. Rise of a Civilizational State. Hackensack, NJ: World Century Pub. Co., S. 156–157.

[28] Dalio (2020): World Order. Chapter 6. Phase 1, 1949 to 1976: The Mao Phase of Building the Foundation.

[29] Dalio (2020): World Order. Chapter 6. Phase 2, 1978 to 2013: The Deng and Deng Successors Phase of Gaining Strengths Through Economic Reforms and Opening Up Without Creating Threats to Other Countries.

[30] Die große Renaissance der chinesischen Nation, welche die „Errichtung eines reichen, starken, demokratischen, zivilisierten und harmonischen modernen sozialistischen Landes“ zum Ziel hat.

[31] Dalio (2020): World Order. Chapter 6. Phase 3, 2012 until Now: The Xi Phase of Becoming a World Power.

[32] Private Kommunikation mit Prof. Dr. Marcus Hernig. Sinologe, Germanist, Autor, Publizist, Dozent an der TU Berlin und USST Shanghai.

[33] Kissinger, Henry (2015): World Order. New York. Penguin Books, S. 230.

[34] Zhang (2012): China Wave, S. 157.

[35] Mahbubani, Kishore (2020): Has China Won? The Chinese Challenge to American Primacy. New York, NY: PublicAffairs, S. 104.

[36] Schuman (2020): Superpower, S. 32.

[37] Baron, Stefan; Yin-Baron, Guangyan (2019): Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht. Berlin: Ullstein, S. 97–99.

Political Science Student @LMU München

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